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Herausgegeben von Ulrich Hedtke (Berlin)

 

 

 

 

JOSEPH  ALOIS  SCHUMPETER

 

 ENTWICKLUNG 

 

[Eine Festgabe für Emil Lederer]

 

 

Für www.schumpeter.info herausgegeben von Hans Ulrich Esslinger 

 

 

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Vorwort 

    Die nachstehende sozialphilosophische Skizze hat Schumpeter für eine [maschinenschriftliche] Festschrift zum 50. Geburtstag von Emil Lederer eingereicht. Dieses Jubiläum wurde am 22. Juli 1932 gefeiert und neben Schülern Lederers haben u.a. Alfred Ammon, Arthur Feiler, L. Albert Hahn, Eduard Heimann, Adolp Löwe, Ludwig Mises, Michael Polanyi und Felix Somary ihrem Kollegen Fachbeiträge gewidmet. 

    Schumpeters Skizze einer allgemeinen Sicht des Entwicklungsproblem ist nicht allein deshalb theoretisch und werkgeschichtlich interessant, weil sie im Zusammenhang mit der zeitgleichen Erarbeitung der englischen Fassung seiner Entwicklungsschrift (1932) entstanden ist. Er präzisiert mit dieser Arbeit seinen Begriff der wirtschaftlichen Entwicklung, den Übergang von einer Norm des Wirtschaftssystems zu einer anderen zu bedeuten, der nicht in infinitesimale Schritte  zerlegt werden kann. Da Schumpeter gleichzeitig eine grundsätzliche Indeterminiertheit des Entwicklungsgeschehens voraussetzt, ist damit auch die Reichweite eines möglichen fachwissenschaftlichen Studiums der Entwicklung eingegrenzt: wo es auf theoretische Erklärung ankommt, liegt diese jeweils mit zwei diachron benachbarten Normzuständen fest. Unser Autor verhandelt hier nicht, im Rahmen welcher Wirtschaftszyklen die Normlagen festzustellen sind. Geht man als Bezugszyklus von der Kondratieffschwingung aus, dann muß man wohl feststellen, dass das hier erstmals veröffentlichte Manuskript genau den Übergang zu dem Entwicklungskonzept präsentiert, das wir aus den "Business Cycles" kennen. 

     Nach unserem Kenntnisstand handelt es sich zugleich um das bisher einzige Manuskript Schumpeters aus den 30er Jahren, in dem er ausdrücklich auf die Ideenwelt des 7. Kapitels seiner Entwicklungsschrift von 1911 positiv zurückgreift und für jeden Leser erkennbar werden läßt, dass seine Theorie der Wirtschaftsentwicklung Ausdruck einer umfassenden Sicht des Entwicklungsproblems ist.  Man verkenne daher nicht den nachstehenden Ausflug in die Kunstgeschichte. Er ist keineswegs bloß illustrativ, sondern systematisch gemeint. 

    Das paginierte 17seitige ms-Manuskript Schumpeters wird hier nach einer Kopie des Archivoriginals in  Box 1, 82.1 der EMIL LEDERER PAPERS wiedergegeben. Unabhängig von inhaltlichen Erwägungen weisen die Verfasserangabe im Titel wie auch die eigenhändigen handschriftlichen Korrekturen des Typoskripts Schumpeter als Autor des Manuskripts aus. Die Orthografie des Originals wurde grundsätzlich gewahrt.

Der Standort des Originals: SPE XMS Lederer, Box 1, 82.1. Lederer, Emil, Papers, German Intellectual Emigre Collection. M. E. Grenander Department of Special Collection and Archives, University Libraries, State University at Albany, State University of New York.

    Das Manuskript wird hiermit erstmals veröffentlicht.  

Berlin, 12.10.2002                                                Hans Ulrich Esslinger und Ulrich Hedtke

 

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E N T W I C K L U N G 

von Joseph Schumpeter

   

      

    Um diese anspruchslosen Erwägungen vor naheliegendem Missverständnis zu schützen: Alles was ich sagen will ist einzelwissenschaftlich und nicht philosophisch gemeint – wenngleich nicht ausschließlich vom Standpunkt einer einzigen empirischen Einzelwissenschaft, so doch nur vom Standpunkt einzelwissenschaftlicher Arbeit überhaupt und wenn dem Gesagten allenfalls einiges Interesse zukommt, so liegt das eben an diesem Umstande, dass es aus einer ganz konkreten einzelwissenschaftlichen Problemlage erwuchs und die Erkenntnis, dass sich die formal analoge Situation in allen anderen einzelwissenschaftlichen Gebieten auch findet, und die Vermutung, dass sie in der Anlage unseres Denkapparats wurzelt, nicht etwa postuliert wurden sondern hinterher und Schritt für Schritt dazu kamen.

    Zu einer zweiten Vorbemerkung nötigt die Vieldeutigkeit des unglücklichen Wortes. Zunächst legen Ausdrücke wie Ent-wicklung, Ent-faltung, mit einer Assoziationsgewalt, die uns zeigen könnte wie gering der Abstand unseres vom primitiven Denken ist, die Vorstellung nahe, dass irgend etwas in dem was sich entwickelt identisch bleiben muss, eine Vorstellung, die schon die Quelle von Vorurteilen und Aberrationen sein kann. Sodann ist es wohl nicht überflüssig noch zwei andere Assoziationen von unserem Weg fernzuhalten, denen das Wort seine wissenschaftliche Diskreditierung namentlich innerhalb des historischen Kreises aber auch darüber hinaus verdankt und die man mit den Worten Fortschrittsglaube und Evolutionismus bezeichnen kann. Fortschrittsglaube ist Konstatierung und Prophezeiung positiv gewerteter Veränderungen und hat eben wegen dieser Wertung kein Bürgerrecht in der Wissenschaft. Warum das emporkommende industrielle und kommerzielle Kapitalistenstratum im Anblick des prosperierenden Hauptbuchs ihn hervorbrachte, warum der antiintellektualistische Intellektuelle von heute ihn verwirft und wie lange das dauern wird, – auch Georginen verblühen – ist soziologisch vielleicht nicht schwer zu verstehen oder abzuschätzen. Aber wir haben nichts damit zu tun. Am Evolutionismus, den man nicht ganz mit Recht dem 19. Jahrhundert in den historischen Steckbrief schreibt, nehmen viele Leute wegen seiner wirklichen oder angeblichen Allianz mit Materialismus aller Typen Anstoß. Und obgleich die Mode ihre Logik hat und wir, wenn wir dieser Modenlogik vertrauen, pro futuro vielleicht wenig Grund hätten gegen solche Allianz zu protestieren, so haben wir doch den anderen Grund dafür, dass Materialismus eine Metaphysik ist wie jede andere, daher bei uns nichts zu suchen hat. Wichtiger ist, was die einzelwissenschaftlichen Arbeiter von heute gegen den Evolutionismus einnimmt, besonders Historiker, Ethnologen und Biologen: Misserfolge im Einzelnen, Verbiegungen ja Entstellungen von Tatsachen in seinem Dienste, leichtsinnige Kreditgewährung an tragunfähige Reihen einzelner Charakteristika, vor allem aber das Schicksal, das jeden Begriff befällt, der sich seine Zeit erobert: Zum Spielzeug des Dilettantismus und von ihm zu einem Agens hypostasiert zu werden, das denselben Dienst tun muss wie die vis soporifica des Opiums. Grund genug uns auch von ihm zu trennen – mögen auch im Kampf gegen ihn so manche Flibustiers mitstreiten. Höchster Erfolg eines Instruments ist es zum Fetisch zu werden. Aber dann ist es aus mit ihm.

    Rein wissenschaftlich natürlich können drei andere Fragestellungen sein, die wir nicht ablehnen, sondern von denen wir nur die unsere abheben wollen. Zusammen mit dieser letzteren entspringen sie der Erkenntnis des Entstandenseins und dem Erlebnis des Anderswerdens der Dinge. Diese Erkenntnis und dieses Erlebnis reichen verschieden weit in verschiedenen Kulturzuständen und selbst bei verschiedenen Leuten, aber die immer wiederholten Versuche – deren pragmatischer Sinn uns gleich interessieren wird – neben dem, was offenbar entstanden ist und anders wird, auch nichtentstandene und unveränderliche Geländer in das einzubauen, was mit dem Worte Weltbild trivialisiert wird, zeugen für die Furcht vor beiden, für das Element von Grauen, das hinter der behaglichsten historischen Erzählung lauert. Wissenschaftlich kann man vor allem nach dem »Hergang« fragen, d. h. nach den Inhalten vorgefallener Veränderungen, genauer nach den konkreten Merkmalen in der historischen Zeit distanzierter Zustände und nach den Unterschieden zwischen diesen Merkmalen. Oft, auf sozialem Gebiet meist, klingt beim Versuch eine solche Aufgabe zu lösen das Motiv einer anderen mit, die logisch jenseits einer tiefen Kluft liegt, nämlich der Aufgabe, konkrete Umstände, im günstigsten Fall messbare Größen anzugeben, von denen in irgend einem Sinn ausgesagt werden kann, dass sie die Veränderung »bewirkt« haben. Das ist das, was man populär historische Erklärung nennt und was zu einem einzelwissenschaftlichen, jedenfalls unmetaphysischen Begriff des Sinns einer Veränderung führt, wobei natürlich festgehalten werden muss, dass jeder Veränderung soviel »Sinne« zukommen, als es jeweils Standpunkte einzelwissenschaftlicher Betrachtungen gibt. Schreitet man in der Richtung zunehmender Abstraktion vor, so kommt man schließlich zu in diesem Sinn »wirkenden« Momenten von so großer Spannweite, dass man sich immer wieder bei ihnen beruhigt und jener Täuschung unterliegt, die in den meisten Geschichtstheorien ihren naivsten Ausdruck findet, dass man Entstandensein und Anderswerden kausal erklärt habe. Die dritte Fragestellung endlich, die hierher gehört, bringt dem gegenüber nichts Neues. Sie blickt nur gleichsam vom jeweiligen Standort vorwärts statt rückwärts und kann so einzelwissenschaftlich und unmetaphysisch mit dem Begriff des Zieles arbeiten. Eigentlich teleologische Gesichtspunkte kommen hier nicht mehr und in keinem anderen Sinn in Betracht als bei der zweiten Fragestellung.

    Davon hebe ich nun ab, worauf es hier ankommt. Betrachten wir z. B. die Malerei eines örtlich und zeitlich bestimmten ausreichend einheitlichen Kultursystems, sagen wir des Florentiner Ducento so haben wir jeweils eine »geprägte Form« vor uns, deren innere Logik als in sich geschlossen und als bemerkenswert stabil erkannt werden kann. Die Florentiner Malerei des Quattrocento weist eine ebensolche Form auf – es wäre gar nicht schwer eine von jedermann leicht zu identifizierende Durchschnittsmadonna zu zeichnen – aber eine andere. Verzichte ich darauf mich der vorgefallenen Veränderung gegenüber wertend zu verhalten, also sie etwa als Fort- oder Rückschritt zu empfinden, oder sie unter dem Gesichtspunkt einer übererfahrbaren Entwicklungslinie aufzufassen, der ein transempirischer Sinn innewohnt, will ich aber dennoch heraustreten aus dem Bezirk der ersten von den eben angeführten Fragestellungen, so operiere ich nahezu unvermeidlich auf der Linie der zweiten oder dritten. Aber es ist ein Gemeinplatz, dass ich dabei die Entdeckung mache, dass keine Liste angebbarer Milieumomente dazu ausreicht, das vorgefallene Anderswerden eindeutig zu bestimmen, vielmehr das künstlerische Schaffen – so würden in diesem Fall wohl die meisten von uns sagen – und auch noch andere Elemente des Vorgangs auf Veränderungen der Milieuelemente auch anders hätten reagieren können als sie reagiert haben. Von allem was dazu zu sagen wäre, interessiert jetzt nur eines: Der Grund warum gerade diese Art von Indeterminiertheit hingenommen werden muss und uns weder ein seiner Natur nach unwissenschaftlicher Glaube an objektiv gleichwohl immer und notwendig bestehende Determination, die sich nur eventuell unserer mangelhaften Einsicht nicht offenbare, darüber trösten kann noch auch eine Arbeitshypothese gleichen Inhalts zulässig ist, liegt nicht an dem Umstand, nach dem man zunächst greifen möchte, nämlich daran, dass künstlerisches Gestalten und was es bedeutet in einer anderen Welt liegt als die angebbaren Milieuelemente, dass es mit ihnen ganz inkommensurabel und es der Gipfelpunkt materialistischen Banausentums sei, künstlerische Inhalte aus Dingen wie Reichtumsänderungen oder Verschiebungen in der sozialen Struktur ableiten zu wollen. Mag das immerhin so sein - es würde uns nicht hindern konstante Beziehungen zwischen Elementen des sozialen Milieus und künstlerischen Inhalten herzustellen, wenn die Formen und die Normen der letzteren immer dieselben blieben. Wir könnten dann die innerhalb dieser noch möglichen Veränderungen als Anpassungen an Änderungen z.B. objektiver sozialer Tatbestände auffassen und diese Anpassungen beschreibende Sätze finden, auch wenn die Beziehungen selbst und die Art wie sie sich durchsetzen der verstehenden Erfassung widerstrebten und insofern immer Geheimnis blieben. Wir wären dann in keiner schlimmeren Lage als wir stets auf dem Gebiet physikalischen Geschehens sind, auf dem verstehendes Erfassen ja niemals möglich ist ohne dass uns das hindern würde Veränderungen einer Klasse mit Veränderungen einer anderen Klasse zu verknüpfen. Natürlich kann das im einzelnen Fall tatsächlich unmöglich sein, aber nur der Versuch kann zeigen, ob es unmöglich ist – für die Einzelwissenschaft könnte keine philosophische Wesensschau diese Frage entscheiden. Was nun in unserem Fall den Versuch aussichtslos macht, ist nicht schon die Natur des Gegenstandes – geisteswissenschaftlicher Gesetzlichkeit oder überhaupt Außergesetzlichkeit geisteswissenschaftlicher Gegenstände – sondern das Auftreten der neuen Auffassungsweise, der neuen Technik, des Neuen schlechtweg, das den bisher betrachteten Stoff verändert und ihm einen substituiert, der auf Datenänderung anders reagiert, das in einem anderen Sinn vielleicht immer noch als eine Anpassung, nicht aber als passive und determinierte Anpassung bezeichnet werden kann, das vom Standpunkt der Methode jeder Anpassungstheorie in jedem - und nicht bloß im oben gebrauchten - Sinn unverständlich ist. Dieses Neue, das in unserem Falle mit dem Worte Schöpferpersönlichkeit nur benannt und bestenfalls lokalisiert aber nicht erklärt ist, ist das wahre Zentrum alles dessen, was im tiefsten Sinn als indeterminiert hingenommen werden muss, und koexistiert immer mit einem weiten Bezirk von grundsätzlich determinierten Zuständen und Vorgängen – eine Abgrenzung, auf welche ich einen gewissen Wert lege, weil mir in ihr die grundsätzliche Lösung des Gegensatzes von Determinismus und Indeterminismus zu liegen scheint, soweit er einzelwissenschaftlichen Sinn hat. Natürlich hat das nichts zu tun mit jenen zahlreichen Determinationsproblemen, mit denen es die Technik jeder Wissenschaft auch in ihren »determiniertesten« Feldern zu tun hat, wie etwa die Ökonomie beim zweiseitigen Monopol usw., auch nicht mit den Fragen, die um den Begriff des Realobjekts herum liegen.

    Dabei sind Milieuänderungen regelmäßig noch immer Anlass oder Bedingung und keine Erforschung der historischen Phänomenologie kommt ohne sie aus. Handelt es sich aber um das Wesen des Neuen als solchen, so liegt es nahe aus der Tatsache, dass Milieu- oder Datenänderungen – in unserem Beispiel also – neue Arten malerisch zu sehen und sich auszudrücken weder erzwingen noch, wenn sie auftreten, eindeutig bestimmen, die Kraft zu dem Versuch zu schöpfen jene triviale Abhängigkeit einmal beiseite zu schieben und das Neue unabhängig vom Anlass und von der Bedingung in jenem Sinn zu erfassen, wenngleich wir zwar zunächst wissen, dass die Milieuänderung keine zureichende aber nicht auch, dass sie auch keine notwendige Bedingung für Neugestaltung als solche ist – für den konkreten Inhalt der Neugestaltung sind gewisse Milieubedingungen ja natürlich immer notwendig. Beachten wir noch, dass die Veränderung, welche eine geprägte Form in eine andere überführt, einen Riss, einen Ruck, einen Sprung bedeuten muss, dass die neue Form von der alten her nicht durch Anpassung in kleinen Schritten erreichbar sein darf, wenn das Problem auftreten soll, dass ich zu umschreiben suchte, dann haben wir den richtigen Sinn in die folgenden Fragen gefüllt; Wie geschieht das? Wie kommen manche Leute dazu anders zu malen als sie es gelernt haben und wie setzt sich das bei anderen Malern und dem Publikum gegenüber durch? Was ist, wenn man so sagen darf, einerseits die »Kraft« und andererseits der »Mechanismus« des Vorgangs, welcher konkreter äußerer Veränderungsfaktoren gar nicht bedarf, durch welchen hindurch aber auch eventuell vorhandene Faktoren wirken müssen? Wie denken sich die Leute im Einzelnen um und was ist es, was sie dazu veranlasst, wie wirkt das Neue, was davon wird aufgenommen und welche Reaktionen und Vibrationen löst es aus?

    Für jedes Gebiet geistigen Seins, das sich durch einen Personenkreis charakterisieren lässt, für Wissenschaft, für Religion usw. könnten diese Fragen gestellt werden. Ihre Beantwortung scheint mir einen wesentlichen Teil dessen zu bieten, was man die Soziologie dieser Gebiete nennen kann. Aber uns handelt es sich hier nicht um Antworten auf diese Fragen, sondern um die grundsätzliche Bedeutung der zunächst auf allen sozialwissenschaftlichen Gebieten wesentlich gleichen Erscheinungen dieser Art. Wir finden sie auf dem wirtschaftlichen Feld ganz ebenso und in keinem anderen Sinn als anderswo. Aber wie sonst, so können wir auch in unserem Falle auf wirtschaftlichem Gebiet schärfer sehen als anderswo, weil die Ökonomie die quantitativste aller Wissenschaften ist. Aller Wissenschaften, nicht etwa bloß, was selbstverständlich wäre, der Sozialwissenschaften. Denn während selbst die Vorgänge, welche die Mechanik beschreibt, Maß und Zahl zwar zugänglich sind aber eben erst gemessen werden müssen, so gibt es fundamentale ökonomische Erscheinungen, vor allem den Preis, die schon ihrem Wesen nach Zahlengrößen sind und nur insofern überhaupt Sinn haben als sie Zahlengrößen sind und zu anderen gleichgearteten Erscheinungen in jeweils bestimmten zahlenmäßigen Verhältnissen stehen. Ich hoffe einmal nachzuweisen, dass Zahl und Größe primär überhaupt ökonomischen Wesens sind und nicht nur genetisch – was wiederum beinahe selbstverständlich ist - sondern logisch der ökonomischen Sphäre entstammen und dass der Begriff des Gleichgewichts vom Wirtschaftlichen auf das Naturbild übertragen wurde und nicht etwa umgekehrt. Das erleichtert es natürlich sehr das – wie gesagt überall wesensgleiche – Phänomen, um das es sich uns handelt, in seiner ökonomischen Ausprägung exakt zu definieren.

    Eben dieser quantitative Charakter also nicht bloß der Wissenschaft von der Wirtschaft sondern der wirtschaftlichen Tatsache selbst, hat das spezifisch wissenschaftliche Problem auf gerade diesem Gebiet in den Vordergrund gedrängt und ihm trotz aller Proteste des exakter Denkarbeit widerstrebenden Fachkreises einen breiten Raum gesichert. Es findet seinen reinsten Ausdruck im Walrasianischen System interdependenter Größen, so groß das Stück Weges auch sein mag, das uns heute von dem Werke des größten Ökonomen trennt. In der Tat lässt sich die ökonomische Grundwahrheit, die sich primär der Beobachtung erschließt, was immer für einen historischen oder denkbaren und im Gedankenexperiment verwirklichten Wirtschaftszustand wir vor uns haben mögen, so formulieren, dass alle beobachteten Größen sich in ein bestimmtes Verhältnis zueinander zu stellen suchen oder, anders ausgedrückt, dass sie jeweils auf Datenänderungen anpassend reagieren. Unter dem Gesichtspunkt dieser Anpassung machen wir uns ihre Veränderungen verständlich und nichts anderes als scharfe Fassung dieses Prinzips und letztlich einer Beobachtung ist es, wenn wir uns das Bild eines Zustandes konstruieren, in dem solche Verhältnismäßigkeiten hergestellt wären, dass restlose Anpassung vorläge. Wir beschreiben also vermittelst Angabe eines idealisierten Endresultats. Es wäre leicht zu zeigen nicht nur dass das die korrekte Art der Ableitung der ökonomischen Grundtheoreme ist, sondern auch die Methode, der sich jeder nicht Wirtschaftssoziologie betreibende Ökonom tatsächlich bedient und bedient hat, nur eben in sehr verschieden vollkommener Weise. Die dem Walrasianischen System bei den konkreten Daten eines historischen Zeitpunkts entsprechenden konkreten Verhältnismäßigkeiten wollen wir in ihrer Gesamtheit uns etwa als eine Matrix vorstellen, deren Elemente als die Komponenten eines Vektors zu deuten wären. Wir nennen sie im Folgenden zusammenfassend die »Norm« der Wirtschaft.

    Vorfallende Veränderungen können nun grundsätzlich als reversible Abweichungen von der jeweiligen Norm aufgefasst werden - und diese wieder in virtuelle und reale eingeteilt werden, welcher Unterschied ganz dieselbe methodische Bedeutung hat wie in der Physik, weil es sich eben dabei um eine rein logische Kategorie handelt, die zu keinem Tatsachengebiet ein besonderes inneres Verhältnis hat, es sei denn eben zur Ökonomie als Mutterboden aller Logik - oder als irreversible Änderungen der Norm selbst. Herrschen wir gleich souverän nur über kleine reversible Änderungen - und eigentlich nur über kleine virtuelle -, so sind wir doch nicht jeder Normänderung gegenüber machtlos. Auf alle Normänderungen nämlich, welche Interpretation als Anpassung der Wirtschaft an kontinuierliche, d. h. also praktisch pro Zeitelement kleine Datenänderungen gestatten, lässt sich das angedeutete Denkschema ohne weiteres anwenden. Die historische Zeit, die hier statt der theoretischen auftritt, duldet es, dass man sie behandle wie wenn sie eine theoretische wäre. Beispiele für die Möglichkeit, Notwendigkeit, Fruchtbarkeit dieses Verfahrens ließen sich zahllose anführen von der Zeit der klassischen Bewegungsgesetze der Einkommen herwärts. Der Punkt an dem dieses Verfahren versagt, ist offenbar durch sprungweise Änderung der Norm gegeben. Folgt diese auf sprungweise Datenänderung, so können wir über das, was daraufhin in unserem Fachbezirk geschieht, zwar nichts sagen, außer einigen Selbstverständlichkeiten oder vagen Vermutungen, uns aber vom Standpunkt der einzelwissenschaftlichen Aufgabe - wir werden gleich sehen, dass die Sache von einem allgemeineren Standpunkt aus nicht ganz so steht - für entschuldigt halten, weshalb wir Erscheinungen dieser Klasse jetzt abscheiden wollen. Viel ernster ist der gleiche Sachverhalt bei der Tatsache ruckweiser Normänderung, die spontan aus dem System selbst eruptiert. Ein Beispiel zeigt am besten, an was für das wirtschaftliche Gebiet zu denken ist: Kontinuierliche Bevölkerungs- und Reichtumszunahme erklärt ohne weiteres ebenso kontinuierliche Verbesserung der Straßen und schrittweise anpassende Zunahme der verkehrenden Postkutsche. Aber man vermehre die Postkutschen soviel man will, nie erwächst eine Eisenbahn daraus. Diese Art von »Neuem« konstituiert, was hier unter »Entwicklung« verstanden wird, die nun exakt definiert werden kann als: Übergang von einer Norm des Wirtschaftssystems zu einer anderen, der nicht in infinitesimale Schritte zerlegt werden kann. Oder was dasselbe ist: Zwischen denen es keinen im strengen Sinn kontinuierlichen Weg gibt. Ich muss bekennen, dass ich, indem ich diesem Begriff den Namen Entwicklung beilegte - als ich das tat, hatte ich diese exakte Form von Definition noch nicht gefunden - etwas ähnliches angerichtet habe, wie mit dem Wort Dynamik, das ich ursprünglich damit synonym gebrauchte. Wie dieses letztere Wort völlig deplaciert war und irreführende Assoziationen mit sich brachte, übrigens in der Ökonomie zweckmäßigerweise mit einem ganz anderen Problemkreis verbunden wird, so ist mir jüngst zum Bewusstsein gekommen, dass gerade diese Art von Anderswerden der Dinge aus dem Entwicklungsbegriff vielfach ausgeschlossen und als Abreißen dessen bezeichnet wird, was man unter Entwicklung verstehen will, nämlich des in irgend einem Sinn »gesetzmäßigen« und voraussehbaren, essentiell kontinuierlichen Anderswerdens, innerhalb dessen ein jeder Zustand aus dem vorhergehenden verständlich wird. In diesem Sinn habe ich den verkürzten Christus von Mantegna eben deshalb als einen Bruch in der Entwicklung bezeichnet gehört, weil er so gewaltig neu in unserem Sinne war. Dies nur zur Vermeidung von Missverständnissen. Das was im eben erwähnten Sinn Entwicklung genannt wird, pflege ich als Wachstum - das natürlich auch ein negatives Inkrement haben kann - zu bezeichnen.

    Unsere Definition leistet die exakte Scheidung zwischen dem, was auf unserem Gebiet vom einzelwissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen – und ganz ohne Rücksicht auf Standpunkte, die sich aus metaphysischen Grundhaltungen ergeben mögen – determiniert oder doch grundsätzlich determinierbar und dem was indeterminiert ist. Die Scheidung auf ökonomischem Gebiet zeichnet sich vor der analogen Scheidung auf allen anderen sozialwissenschaftlichen Gebieten nur durch ihre Präzision und die Möglichkeit aus, sie gegenüber den Tatsachen numerisch durchzusetzen. Aber man sieht leicht, dass sie desselben Wesens ist wie auf den anderen Gebieten und sich daher dazu eignet, die Natur der Sache auch für diese zu beleuchten. Und auch was wir dem so abgegrenzten Phänomen gegenüber tun können, ist auf den einzelnen Gebieten zwar graduell verschieden viel, je nachdem die einzelnen Gebiete scharfen Fassungen mehr oder weniger zugänglich sind, aber qualitativ überall dasselbe. Wir können das Auftreten von Erscheinungen, die unter den Entwicklungsbegriff in unserem Sinne fallen, konstatieren, wir können die Rucke und Sprünge im Einzelnen sehen und beschreiben, wir können ihre Bedeutung innerhalb der Erscheinungen jedes Gebiets abschätzen und nicht nur deskriptiv sondern auch theoretisch die Wirkungen und Rückwirkungen erfassen, die sie auslösen. Wir können noch mehr: Wir können sozusagen die Einbruchsstellen des Neuen nicht nur im einzelnen Fall sondern auch generell lokalisieren und uns für den Mechanismus der Durchsetzung der Normänderung eine Theorie bauen, welche als Nebenprodukt Spezialtheorien von Erscheinungen abwirft, die andernfalls unverständlich wären. In der Regel – und nirgends mehr als auf wirtschaftlichem Gebiet – können wir daher auch eine ganze Menge über Entwicklungserscheinungen vorhersagen. Nur in einem Punkt ist Vorhersage unmöglich, – d. h. eindeutig bestimmtes Verständnis eines durch bestimmte Norm charakterisierten Zustands, oder Systems aus wenn auch noch so genau bekannter Norm des zeitlich vorhergehenden Systems – nämlich im Wesen der Sache, bezüglich Art und Stärke des Neuen selbst, das da kommen mag. Wir können das auch so ausdrücken: Zustände sind ableitbar auseinander nur innerhalb derselben Norm, also wenn der jeweils vorhergehende Zustand vom Gleichgewichtsbild dieser Norm abweicht und der folgende lediglich eine Annäherung an eben dieses Gleichgewicht darstellt. Nie aber kann im Rahmen einer Einzelwissenschaft eine Norm aus einer anderen abgeleitet werden, wenn wir von dem absehen was oben Wachstum genannt wurde.

    Daraus folgt, um wieder vom wirtschaftlichen Fall im besonderen zu sprechen, die grundsätzliche Unmöglichkeit der Extrapolation des Trend. Selbstverständlich bedeutet das Aufpassen einer tunlichst einfachen Funktionsform auf eine Zeitreihe mittels der Methode der kleinsten Quadrate oder einer ähnlichen nichts anderes als ein Referat über tatsächlich vorgefallenes Geschehen in der Form einer empirischen Kurve. Es ist heute fast schon Gemeinplatz, dass ein solches Verfahren theoretisch so gut wie sinnlos ist, mag es auch im einzelnen Fall einem praktischen Zweck dienen können. Es ist klar, dass die aufzupassende Funktion eine ökonomische Theorie zum Ausdruck bringen oder doch wenigstens die Bewegung eines theoretisch als relevant erkannten Merkmals – für den allgemeinsten Zweck etwa der Veränderungsrate des Sozialprodukts – ausdrücken müsste. Uns interessiert aber jetzt nicht das, noch auch die Bedeutung der Tatsache, dass in diskreten Punkten in der historischen Zeit die gleichzeitigen, eventuell geeignet gelagten, Ziffern aller Zeitreihen in der vom Walrasianischen System abgebildeten Beziehung stehen müssen – welche beiden Umstände meines Erachtens das große Problem der theoretischen Ökonomie von heute ausmachen – sondern nur, dass nach dem Gesagten eine Theorie, die uns die Trendformel gäbe, wesenhaft und ganz abgesehen vom Moment der unseren Karren von Zeit zu Zeit umwerfenden äußeren Störungen unmöglich ist. Während innerhalb jeder anpassenden Betrachtungsweise uns, soweit wir überhaupt ökonomische Theorie treiben, die nötigsten Formelemente der Zusammenhänge gegeben sind und wir an die statistischen Tatsachen nur appellieren müssen um Genaueres über Spezialfälle zu erfahren, so brauchen wir – immer unter der Voraussetzung, dass es befriedigend gelingt Wachstum, Störung und Entwicklung statistisch zu trennen – in der Trendanalyse die Kenntnis des konkreten Ablaufs schon, um überhaupt etwas über ihn aussagen zu können, was dann auch nur für die Beobachtungsperiode gilt selbst dann, wenn sich tatsächlich, wie es ja aussieht, beachtenswerte Invarianzen ergeben sollten. Das auch bei uns vielleicht ein dem Relativitätspostulat analoger Satz gilt, tröstet nicht über den entscheidenden Punkt.

    Vielen wird es nahe liegen zu sagen, dass die oben umrissene »Unerklärbarkeit« der Entwicklung vielleicht bloß eine Folge unvollkommener Tatsachenbeherrschung sei und mit deren Vervollkommnung schwinden werde. Diese Auffassung erfährt eine scheinbare Bestätigung dadurch, dass wir uns wirklich umso eher Vorstellungen über kommende Dinge machen können je genauer wir einen Zustand und erkennbare Veränderungsfaktoren beherrschen. Allein das Wesen der Sache wird damit nicht getroffen. Mögen wir, besonders wenn wir mit- oder nachfühlen können und uns in einen Handelnden transformieren, im einzelnen Fall noch so gut vorahnen können was geschehen wird, rational und wissenschaftlich bleibt die Trias Indeterminiertheit, Neues, Sprung nichtsdestoweniger unüberwindlich. Wollte man ferner die Lage vom Standpunkt rationaler Wissenschaft dadurch heilen wollen, dass man jenes Etwas, das den Sprung bewirkt, unter die äußeren Störungen rangierte, so hätte man damit sein eigenes Gebiet, welches immer es sei, formell vom Unbeherrschbaren gereinigt, aber dort, wohin man das betreffende Moment abschiebt, würde das Problem wieder auftauchen. Deshalb sagten wir, dass das Recht sich auf Datenänderungen zu berufen, seine Grenzen hat und insbesondere aufhört, wenn wir die Gesamtheit der sozialwissenschaftlichen Gebiete überblicken, denn dann führt uns dieses Verfahren in etwas wie einen Zirkel hinein.

    Hat man einmal erkannt, warum diese beiden Hoffnungen trügen, so kleidet man lediglich schon Erkanntes in ein neues Gewand, wenn man sagt, dass Entwicklung ein Problem nicht einfach der Tatsachen sondern unseres Denkapparats ist, eine Schwierigkeit nicht der Tatsachenforschung sondern der Logik darbietet. Man kann sich diesen Sachverhalt auf jedem beliebigen Gebiet ebenso klar machen wie auf irgendeinem sozialwissenschaftlichen. Die Deszendenztheorie liegt besonders nahe. Ob sie nun nach dem Darwinianischen Typus mit Anpassung – zu der im weiteren Sinn natürlich auch Zugrundegehen gehört – oder nach Mendelianischem Typus mit Mischungen konstanter Elemente operiert, immer versagt sie an der Unzulänglichkeit und Indeterminiertheit des Neuen und des Sprungs und nicht weniger dann, wenn sie ihn anerkennt und irgendwie tauft, z. B. Sport oder Mutation. Immer sind es logische Grenzen, an die sie stößt, die Tatsache wie wir auch sagen können, dass unsere Logik eine Logik des Anpassungsprozesses ist und Entwicklung nur leugnen oder abschieben kann. Und eben das ist es, wie man leicht sieht, was das Unbefriedigende an der Sache erklärt. Nicht anders ist es im Feld des physikalischen Geschehens. Nur Ausschnittbetrachtungen täuschen im einzelnen Fall darüber, dass Anpassungen an eine grundsätzlich unveränderliche Norm alles sind, was wir wissenschaftlich erfassen können, Ausschnittsbetrachtungen, bei denen das caeteris paribus aber umso schärfer in seiner Unentrinnbarkeit hervortritt, als Rettungsgürtel, gegen den sich zu wehren eine Torheit ist, die uns Nationalökonomen vorbehalten war. Nicht anders auch ist es im Denken des Lebens, von dem die sprungausschließende Infinitesimalmethode nur ein rigoroser Ausdruck ist. Und vor allem wird so das fundamentale Denkmittel der Menschheit verständlich, das in der Unveränderlichkeit liegt, welche das einzige wesentliche Attribut Gottes ist, während alle anderen akzidentell aus sehr disparaten Quellen fließen. Geradeso metaphysisch und dieselbe Funktion erfüllend ist jede Weltformel, die darauf hinaus kommt, eine Funktion einer großen Zahl nicht näher bekannter Variabler gleich Null zu setzen, wie das, unbewusst sich selbst karikierend, Mach getan hat. Aber was wir meinen, können wir nicht klarer machen als durch den Hinweis darauf.

    Nun erübrigt es sich, auf die Natur des Zusammenhanges zwischen (grundsätzlicher) Indeterminiertheit, dem Neuen und dem Ruck oder Sprung einzugehen. Sie ist klar genug. Sie war in allgemeinstem Umriss offenbar schon Aristoteles klar. Oben habe ich einmal das Wort »unmöglich« gebraucht. Es scheint mir richtiger zu sein, von einer neuen Aufgabe zu sprechen. Sie greift unmittelbar am Logischen und Mathematischen an, in letzter Linie aber wahrscheinlich, wenn irgend etwas Wahres an einer früher gemachten Äußerung ist, an der Quelle aller Begriffe, an der Wirtschaftslehre.

 

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Archivstandort: SPE XMS Lederer, Box 1, 82.1. Lederer, Emil, Papers, German Intellectual Emigre Collection. M. E. Grenander Department of Special Collection and Archives, University Libraries, State University at Albany, State University of New York. 

 

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