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Herausgeben von ULRICH HEDTKE (Berlin)

 

 

Joseph Alois Schumpeter

Individualismus und gebundene Wirtschaft

 

 

Bemerkung des Herausgebers

  Am 21. September 1928 hielt Schumpeter auf dem Großhandelstag, der jährlichen Mitgliederversammlung des Reichsverbandes des Deutschen Groß- und Überseehandels, in München einen seiner beachtetsten öffentlichen Vorträge. Ich publiziere den Text der Rede nach seiner Veröffentlichung im Verbandsorgan des Reichsverbandes: Geschäftliche Mitteilungen für die Mitglieder des Reichsverbandes des Deutschen Groß- und Überseehandels, Nr. 31/34, Oktober 1928, S. 61-67. 

 

Copyright © 2001 by Ulrich Hedtke. Alle Rechte vorbehalten

 

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Joseph A. Schumpeter

Individualismus und gebundene Wirtschaft

I.

    Meine hochverehrten Herren! Der Großhandel überhaupt und besonders der Überseehandel ist der Pionier des modernen Wirtschaftslebens und der modernen Lebensformen gewesen. Sich anpassend an die wechselnden Situationen, bald seine Tätigkeit ausdehnend auf Produktion – wie z.B. heute in Nordamerika vielfach geschieht – bald sich beschränkend auf die bloße Finanzierung des Warenverkehrs – wie das seit langem die Pariser Exporthäuser tun, welche den französischen Export nach Südamerika finanzieren – hat er an der wirtschaftlichen und damit auch an der sozialen Situation gebaut, vor der wir heute stehen und die uns zum Schicksal geworden ist. Konnte er sich auch niemals völlig ausleben, haben seine Interessen auch niemals politisch geherrscht und ist er auch stets dem Eingriff der inneren und äußeren Politik ausgesetzt gewesen, so war er doch stets eine der großen treibenden Kräfte der Wirtschaftsentwicklung und der reinste Repräsentant "kapitalistischen" Wirtschaftsgeistes. Deshalb liegt Logik darin, daß Sie, die Sie bedrückt von vielen unmittelbaren Sorgen zu ihrer Tagung gekommen sind, doch nicht bloß diese auf ihre Tagesordnung gesetzt haben, sondern auch eine grundsätzliche Frage, deren Bedeutung über die unmittelbaren Interessen des Großhandels natürlich weit hinausgeht. Diese Frage lautet nicht, ob sich die Organisation der Volkswirtschaft in Umbildung befindet oder nicht. Alles Lebende ist stets in Umbildung begriffen, und niemals kann eine bestimmte Wirtschaftsform Ideal für alle Zeiten und Schluß aller Weisheit sein. Vielmehr handelt es sich nur darum, ob wirklich schon heute, wie nicht bloß von sozialistischer Seite behauptet wird, die private Initiative, wie sie sich in der Firma des einzelnen Industriellen und Kaufmanns und, wie wir gleich betonen wollen, auch in der von einzelnen Persönlichkeiten beherrschten Aktiengesellschaft und im Konzern eines Industriekapitäns verkörpert, in dem Sinn überwunden ist, daß der Schwerpunkt des Wirtschaftslebens nicht mehr in ihr liege, daß es keinen Sinn mehr habe für ihre Bewegungsfreiheit wirtschaftspolitisch einzutreten und überflüssig wäre auf ihre Lebensnotwendigkeiten Rücksicht zu nehmen. Wichtigen Tendenzen der Steuer-, Sozial- und Wirtschaftspolitik aller Länder , zahlreichen fachlichen und laienhaften Urteilen über wirtschaftliche Fragen der Gegenwart liegt tatsächlich eine solche Auffassung zugrunde. Von Männern der Wissenschaft von internationalem Rang hat sich bisher nur einer, dafür aber auch einer der allerersten, dazu bekannt, wenngleich mit sehr viel Einschränkungen: John M. Keynes – dessen Kampf gegen den Versailler Frieden ihn weit über den Fachkreis hinaus bei uns bekannt gemacht hat und dessen Berliner Vortrag über "Das Ende des Laisser faire" die beste zugleich populäre und wissenschaftlich ernstzunehmende Formulierung dieses Standpunktes enthält.

    So gestellt, ist unsere Frage von erheblicher praktischer Wichtigkeit. Der Mann, der im täglichen Kleinkrieg des praktischen Lebens steht, hat freilich das Gefühl, wie wenn alles, was geschieht, lediglich von unmittelbaren Gruppeninteressen und von Notwendigkeiten der Parteitaktik beherrscht wäre und Gesichtspunkte von größerer Reichweite gar keine Rolle spielten. So ist es auch – es sind schon Kriege lediglich aus parteitaktischer Notwendigkeit geführt worden. Aber gerade in wirtschaftspolitischen Fragen müssen Gruppeninteressen und auch Parteiideale, eben um sich politisch durchzusetzen, um die öffentliche Meinung werben. Und da ist es durchaus nicht gleichgültig, ob die Argumente, mit denen das geschieht, sachlich richtig sind oder nicht. In unserem Fall ist es praktisch durchaus nicht gleichgültig, ob im ganzen Volk der Glaube lebt, daß jeder Schritt zu planwirtschaftlicher Ausschaltung des Unternehmers unter allen Umständen ein Fortschritt ist, und beim Industriellen und Kaufmann selbst das desorganisierende Gefühl, daß er auf einem verlorenen Posten steht. Planwirtschaftliche Tendenzen haben dann eine Schlagkraft, die sich im Kleinsten und im Größten geltend macht und als Vorspann für jede einzelne derartige Maßregel dient, die sonst, nur durch besondere Umstände des einzelnen Falles oder durch offene Berufung auf ein Einzelinteresse verteidigt, einer kühlen öffentlichen Kritik begegnen und jeder Faszination entbehren würde. Wie sehr die Möglichkeiten sachlicher Erörterung gestiegen sind, dafür ist das im Auftrage des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes herausgegebene Buch ein Zeichen, das den Titel "Wirtschaftsdemokratie" führt. Man denke wie man will über die Behandlung, die unsere wirtschaftlichen Grund- und Einzelfragen da finden – der ernste Ton, das Streben nach dem sachlichen Argument und nach Vermeiden von Phrasen stellt es nicht unwürdig neben den Programmband der englischen liberalen Partei über "Britain’s Industrial Future", den eine Gruppe englischer Nationalökonomen für die Zwecke der liberalen "Summer Schools" – eine ganz gute Einrichtung zur ökonomischen Schulung von Parteimitgliedern – zusammengestellt hat.

    Nun wollen wir, um nicht unnötige Mißverständnisse zu erzeugen, es tunlichst vermeiden, Ausdrücke zu gebrauchen, deren Bedeutung nicht ausreichend präzis ist wie "Kapitalismus" oder Ausdrücke, die politische, soziale oder philosophische Nebenbedeutungen und Assoziationen haben – die für uns vollständig irrelevant sind – wie z.B. Individualismus. Wir sprechen einfach von dem unter eigener wirtschaftlicher Verantwortung handelnden kaufmännischen und industriellen Unternehmer und stellen ihm die "gebundene Wirtschaft" gegenüber, worunter wir sowohl eine grundsätzlich unbegrenzte wirtschaftliche Beteiligung von Staaten, Gemeinden usw., als auch alle Formen des planwirtschaftlich regelnden Verhaltens seitens dieser Körperschaften gegenüber der Sphäre der privaten Wirtschaftsführung verstehen wollen. Gleich sei bemerkt: Diese Gegenüberstellung kann sehr irreführend sein, und zwar nach zwei Richtungen. Der Gegensatz ist zu allen Zeiten von Laien und Fachleuten oft gleichgesetzt worden dem Gegensatz zwischen einer planlosen oder, wie man auch oft sagte, "anarchischen" und einer planvoll geleiteten Volkswirtschaft. Das ist der erste der vielen Irrtümer, auf denen unkritische Begeisterung für gebundene oder Planwirtschaft beruht: Abwesenheit eines in einer Zentralstelle bewußt ausgearbeiteten und durch deren Verfügungen durchgeführten Wirtschaftsplans bedeutet noch nicht Anarchie der Produktion. Aus dem an der Situation und der geschäftlichen Notwendigkeit orientierten Verhalten der Industriellen und Kaufleute ergibt sich vielmehr von selbst ein organisches Zusammenwirken von solcher Präzision, daß ein Beschauer von einem anderen Planeten an das Vorhandensein eines bewußt ausgearbeiteten Planes glauben müßte. Sodann schließen sich beide Systeme tatsächlich nicht aus und ihr Gegensatz wird nur dann prinzipiell, wenn der Anspruch auf ausschließliche Geltung des einen oder des andern erhoben wird. Tatsächlich haben sie seit Jahrhunderten koexistiert. Jedem entgegengesetzten Willen zum Trotz tauchen private Unternehmungen mitten aus der bolschewistischen Herrschaft und z.B. gemein- oder gemischtwirtschaftliche Elektrizitätswerke in einem rein privatwirtschaftlich arbeitenden Industriekörper auf, wenn die Logik der Situation das erzwingt. Wir haben es nur mit jenem grundsätzlichen Anspruch zu tun. Wir haben uns zu fragen, welchen Sinn im Deutschland von heute jener politische Wille hat, der nach Planwirtschaft um der Planwirtschaft willen strebt, der die öffentliche Unternehmertätigkeit oder die öffentliche und korporative Bindung der privaten Industrie als an sich erstrebenswert und jeden Schritt in dieser Richtung schon deshalb als Fortschritt betrachtet, weil er eben ein Schritt in dieser Richtung ist. Allerdings ist diese grundsätzliche Tendenz zur Durchsetzung der Planwirtschaft oft schwer zu unterscheiden von der eben angedeuteten Erscheinung. Diese Durchsetzung zerfällt ja auch in einzelne Maßregeln, von denen jede einzelne der Wirtschaftspolitiker sich selbst und andern durch Argumente mundgerecht zu machen sucht, die sich nur auf den einzelnen Fall beziehen und nur gerade diesen einen Schritt rechtfertigen sollen – während umgekehrt ein jeder, der Planwirtschaft grundsätzlich will, versuchen wird, die einzelnen gemeinwirtschaftlichen Elemente, die das Wirtschaftsleben jeweils aus besonderen Gründen der einzelnen Fälle aufweist, als Symptome einer allgemeinen planwirtschaftlichen Tendenz zu deuten. Sie kennen reichlich Beispiele für beide aus Ihrer Praxis und aus den wirtschaftspolitischen Erörterungen der letzten Jahre.

 

II.

    Die wirtschaftspolitische Situation in dem uns interessierenden Belang ist ja ganz merkwürdig. Ein praktisches Experiment über die heutige Leistungsfähigkeit der gebundenen und der freien Wirtschaftsführung liegt unmittelbar hinter uns. Die gebundene Wirtschaft des Krieges und der ersten Nachkriegszeit kann nicht einfach damit abgetan werden, daß sie einer Situation von unerhörter Schwierigkeit gegenüberstand. Denn obgleich niemand verlangen konnte und verlangt hat, daß die gebundene Wirtschaft von damals eine normale Güterversorgung darbiete, so war doch das, was überhaupt erreichbar war, damals viel leichter zu erreichen als sonst: Der Konsument verzichtete auf alle Launen und war schon zufrieden, wenn er nur zu essen hatte. Die vorhandenen Produktionsmittelvorräte waren übersehbar wie sonst nie und alle die Elemente, welche die Schwierigkeit kaufmännischer Kalkulation ausmachen, fehlten fast völlig. Außerdem war das ganz System – von manchen sogar begrüßt als das Morgenrot einer neuen Zeit – besonders im Anfang getragen von einem so starken nationalen Willen, daß vieles leicht wurde, was sonst unmöglich ist. Trotzdem war das Resultat so, daß wirklich das Wunderbare geschah und dieses ganze planwirtschaftliche Bauwerk so gut wie völlig verschwand. Ich nenne das "wunderbar", weil wir doch alle die Zähigkeit des Lebenswillens jedes einmal geschaffenen Verwaltungsapparates kennen, weil wir wissen, wie verzweifelt er sich in unserm Fall gegen seinen Abbau wehrte und weil die Zeit, in der dieser Abbau trotz allem erfolgte, erfüllt war von entschlossener Feindschaft gegen private wirtschaftliche Betätigung. Aber die Leute hungerten, und wandten sich, großenteils noch mit dem antikapitalistischen Bekenntnis im Mund, dem Industriellen und Kaufmann zu in der instinktiven aber übermächtigen Überzeugung, daß nur er helfen und zum Erfolg führen könne. Wie ist sie nun ausgefallen, diese Gegenprobe aufs Exempel? Gehemmt durch die Überreste und die Widerstände der Organe und der Politik der voraufgegangenen Planwirtschaft, ihres Betriebskapitals, zunächst auch aller Vorräte, der Kreditmöglichkeiten und Auslandaktiven beraubt, von einer unrationellen Steuerpolitik belastet, inmitten aller Reibungen sozialer Desorganisation und solcher Zwischenfälle wie die Ruhrbesetzung, haben Industrielle und Kaufleute in fünf Jahren einen großartigeren Wirtschaftskörper geschaffen als ihn Deutschland vor dem Krieg hatte – der die vermehrte Masse der Bevölkerung besser ernährt, als die geringere vor dem Krieg ernährt wurde. Ich bin Theoretiker genug, um zu wissen, daß bloße tatsächliche Abläufe niemals vollgültige Beweise sind. Insoweit aber jemals die Wirtschaftsgeschichte etwas nachweisen kann, insoweit ist der Befähigungsnachweis der privatwirtschaftlichen Initiative vernünftigerweise nicht zu bezweifeln. In allen Ländern war das genau ebenso und doch fehlt nur in Amerika (und wohl auch da nur temporär) eine Mentalität, die mit der privaten Wirtschaftsführung lieber heute als morgen Schluß machen möchte.

    Dieses Befähigungsnachweises hätte es aber gar nicht bedurft. Zwei Prophezeihungen sind seinerzeit der Epoche der Wirtschaftsfreiheit in die Wiege gelegt worden. Die eine entwarf ein Bild ungeheurer Möglichkeiten, welche die von staatlicher und korporativer Bevormundung befreite Energie des Industriellen und des Kaufmanns realisieren würde, die andere ein Bild immer zunehmenden Massenelends. Wir würden unsere Zeit verschwenden, wenn wir uns bei der Frage aufhalten wollten, welche von beiden Prophezeiungen recht behalten hat und ob der kühle Hinweis auf künftige Früchte, mit dem man den nur allzu berechtigten Klagen der Arbeiter am Anfang des 19. Jahrhunderts begegnete, ein leerer Trost war oder nicht. Selbst jene sozialpolitischen Errungenschaften, die wenigstens zum Teil im Kampf mit den kapitalistischen Interessen durchgesetzt wurden, sind insofern deren Werk, als die Erfolge der Unternehmer die Mittel geschaffen haben, deren Vorhandensein sie ermöglichte. Und in jenen Ländern, deren Entwicklung nicht oder nur wenig von politischen Hemmungen und außerkapitalistischen Einflüssen gebremst war – Dänemark z.B. – war schon 1913 der Zusammenhang zwischen Hunger und sozialer Frage zerrissen. Gleichwohl – mancher Soziologe wird sagen: eben deshalb – war die private Leitung der Volkswirtschaft schon damals Gegenstand einer abfälligen Kritik, die weit über den sozialistischen Kreis hinaus reichte und gerade, soweit sie nicht sozialistischen Quellen entsprang, praktisch besonders einflußreich war. Es ist hoffnungslos – wenngleich es überaus instruktiv wäre – in Kürze diese Mentalität und ihre wesentlichen Faktoren zu schildern: Da war die feudale und die intellektuelle Rancune gegen den persönlichen Erfolg der Wirtschaftsführer und des Geschäftsmannes überhaupt, beim Intellektuellen kompliziert durch den unschuldsvollen Glauben, daß er selbst alles viel besser machen könnte – beide Arten von Rancune zusammenfließend in der staatlichen Beamtenschaft: da war, besonders in Deutschland, der unkritische Glaube an den Staat und die Allweisheit der Behörde – ein letzter Abglanz des ungeheuren Prestiges des alten Fürstenstaates – ein Glaube, den das industrielle und kaufmännische Bürgertum, an jahrhundertelange Bevormundung gewöhnt, weithin teilte; da waren die Schichten, über welche die Räder der Wirtschaftsentwicklung gingen, vor allem große Teile des Handwerks; da war die Arbeiterschaft, die in einer Richtung und gerade in ihren nichtsozialistischen Teilen dem Ungeheuer Kapitalismus noch feindlicher gegenüberstand als heute, weil ihr die Einsicht in sein Wesen noch mehr fehlte als sie heute fehlt; und alle die politischen Tendenzen, die aus diesen Elementen der Situation ihre Kraft zogen und noch heute wirksam sind. Beschränken wir uns jedoch auf die argumentative Seite der Sache, fragen wir uns, was an jener Art von Kritik sachlich wahr und falsch ist. Beides läuft auch auf diesem engeren Feld fast unentwirrbar durcheinander und in den Nebeln der öffentlichen Meinung alliieren sich die primitivsten Irrtümer mit sehr gesunden Erkenntnissen, vorwissenschaftliche Denkweisen mit den letzten Fortschritten der Analyse.

    Zunächst einige einfache Beispiele für solche Irrtümer oder Quellen von Fehlargumenten – alle schon oft widerlegt und, was auf keinem andern Gebiet sonst vorkommt, trotzdem immer wieder auftauchend, so daß sich niemand ihrer zu schämen braucht oder befürchten muß, sich mit ihnen zu blamieren. Da ist z.B. die rein gefühlsmäßige Freude vieler Leute über jeden neuen Staatsbetrieb als solchen. Jene Sozialisten, die in produktiver Tätigkeit des Staates oder der Gemeinden eine Sozialisierungsmethode sehen, haben ein Recht, sich über dergleichen zu freuen. Aber beim Nichtsozialisten ist die Freude vernunftmäßig überhaupt nicht zu erklären, fließt sie vielmehr aus derselben Einstellung, die während des Burenkrieges jeden Bettler in den Straßen von London von "unsern" südafrikanischen Untertanen sprechen ließ, wie wenn sie seine Untertanen wären oder er auch nur das Allergeringste von der politischen Herrschaft Englands in Südafrika gehabt hätte. Ähnlich fühlt sich so mancher einem Staats- oder Gemeindebetrieb irgendwie näher als einem privaten, obgleich er an Argumenten für seinen Standpunkt höchstens anführen könnte, daß die öffentliche Leitung eines Betriebes doch "selbstverständlich" besser sein müsse als die private, weil sie im Dienst des öffentlichen Wohles stehe, während der private Betrieb eben im Privatinteresse geleitet sei, oder daß die öffentliche Unternehmung billiger arbeiten müsse als die private, weil sie doch keinen Gewinn herauswirtschaften brauche. Mag sein, daß es nicht der Mühe wert und nicht ohne Banalität möglich ist, diese beiden Argumente zu widerlegen, aber zwei Dinge sind zweifellos: Erstens daß in diesen Argumenten eine ungeheure politische Kraft liegt und daß sie im Unterbewußtsein auch bei Leuten wirken, welche die Zumutung, daß sie dergleichen glauben, als Beleidigung zurückweisen würden: zweitens daß das Niveau unserer volkswirtschaftlichen Bildung ein solches ist, daß man die Leute suchen muß, die korrekt angeben können, worin der Fehler jener beiden Argumente liegt.

    Bei dieser Gelegenheit sei auch das gegenwärtig so populäre Argument berührt, daß das tadellose Funktionieren von öffentlichen Betrieben die Expansionstendenz der öffentlichen Körperschaften auf diesem Gebiet schon für sich allein rechtfertige. Ich sage nicht, daß diese Tadellosigkeit naturgemäß Ansichtssache sein muß oder daß Beispielen dieser Tadellosigkeit Beispiele von Mißerfolgen gegenüberstehen oder daß die Erfolge mitunter offenbar einiges zu tun haben mit steuerlichen Privilegien, Absatzsicherung, verbilligtem Kredit oder gar mit dem Umstande, daß die Kostenkalkulation und besonders die Kalkulation der fixen Kosten nicht geeignet ist, ein richtiges Bild zu geben. Denn so unbestreitbar alles dieses ist, so liegt der entscheidende Punkt doch anderswo. Auch wenn öffentliche Betriebe aus keinem dieser Punkte der Kritik ausgesetzt sind und einwandfrei nachgewiesen werden kann, daß sie wirklich und nicht bloß scheinbar tadellos funktionieren, so beweist das nichts. Denn die privatwirtschaftliche Welt, in die sie eingebettet sind, lehrt sie, was sie zu tun haben, mehr als das, nötigt ihnen den Fortschritt in Gestalt neuer Maschinen usw. auf. Man könnte sogar sagen, daß, abgesehen von den Störungen der Übernahme, geradezu die meisten privaten Betriebe von öffentlichen Körperschaften in der jeweils gegebenen Weise weiterbetrieben werden könnten. Die Schwierigkeit entsteht bei der neuen Situation, die Anpassung der bisherigen Praxis erfordert, und bei der Durchsetzung von neuen Dingen. Das ist die Hauptfunktion der privaten Unternehmung sowohl in der Industrie wie im Handel. Wären die großen Neuerungen des 19. Jahrhunderts oder auch der Gegenwart nicht aus der Privatindustrie, sondern aus staatlichen und gemeindlichen Betrieben hervorgegangen, dann könnte man von einem bedeutsamen Symptom dafür sprechen, daß öffentliche Wirtschaftsführung in die Funktionen und Leistungen der privaten hineinwachse. Aber so ist die Sache ja nicht, nicht einmal auf einem Gebiet, das sich verhältnismäßig so leicht von der Staatsverwaltung betreuen läßt wie das Eisenbahnwesen. Ohne den gewiß sehr guten öffentlichen Bahnverwaltungen Deutschlands zunahe treten zu wollen – die Wurzeln der großen Leistungen auf diesem Gebiet, die das Antlitz der Erde umgestaltet haben, liegen nicht bei ihnen, sondern bei der privaten Unternehmertätigkeit, die ihnen vorausgehend den Weg wies, und in den privaten Leistungen in England und besonders in Amerika. Ebensowenig als der Hinweis auf erfolgreiche laufende Verwaltung ein Argument für die öffentliche Wirtschaftsleitung ist, ebensowenig ist das Vorkommen augenfälliger und selbst beschämender Mißerfolge für sich allein ein Argument gegen sie: Nicht darauf kommt es an, daß Mißerfolge vorkommen, sondern auf den Umstand, daß in der privaten Industrie und dem privaten Handel die Mißerfolge automatisch ausgeschieden werden – der wirtschaftlich unzweckmäßige Betrieb geht zugrunde oder wird stillgelegt –, während dieser Kontrollapparat beim öffentlichen Betrieb praktisch fehlt und der schlechteste Betrieb beliebig lange überleben kann: Dabei halten dann die bekannten "öffentlichen Rücksichten" her, aus denen der schlechte Betrieb gleichwohl aufrecht erhalten werden müsse. Wie eine Reform eines veralteten Industriekörpers in der öffentlichen Hand aussehen würde, dafür ist unsere heutige Erörterung über die Verwaltungsreform ein Beispiel.

    Damit streifen wir eine andere Quelle von Fehlurteilen. In der politischen Erörterung werden die Leistungen und Möglichkeiten der privaten und der öffentlichen Wirtschaftsführung notwendigerweise miteinander verglichen . Dieser Vergleich ist natürlich immer schwierig, weil wir so gut wie nie in der Lage sind, beide Formen unter genau gleichen Bedingungen am Werke zu sehen. Aber er wird sinnlos, wenn man, wie es fast immer und in bestem Glauben geschieht, die Resultate beider Systeme mit verschiedenem Maße mißt. Das heißt nicht etwa nur, daß ein jeder die eine Alternative voll Liebe und die andere voll Abneigung betrachtet, sondern daß der grundsätzliche Fehler begangen wird, ein Idealbild der einen mit der Wirklichkeit der andern zu vergleichen. Beispiele: In seiner beifälligen Besprechung der Berliner Vorträge von Keynes, sagt niemand geringerer als Sidney Webb, daß unter den Dingen, welche das alte Argument für freie Wirtschaft übersehen haben, auch die Tatsache sei, daß Unternehmer und Konsumenten weder allwissend noch selbst auf der Höhe des jeweiligen Wissens seien. Und der Staat ist wohl allwissend? Gewiß behauptet Webb einen solchen Unsinn nicht ausdrücklich, aber wenn jene Wendung in diesem Zusammenhang Sinn haben soll, so ist er impliziert. Oder: In der heutigen englischen Diskussion unserer Frage spielt das auf Marshall zurückgehende Argument eine große Rolle, daß der Staat "can take the longer view", d.h. daß der Staat sein wirtschaftliches Verhalten an Gesichtspunkten orientieren könne, die weit in die Zukunft ragen, während der private Betrieb in seinem Lebenskampf sich von der kurzfristigen Situation beherrschen lassen muß. Darin stecken gleich drei potentielle Fehler. Erstens bedeutet dieses Beherrschtsein von der jeweiligen Situation zugleich prompte Anpassung an diese und damit einen wesentlichen Vorteil. Zweitens könnte der Staat so langfristige Politik nur in einzelnen Fällen, aber nicht in bezug auf das ganze Wirtschaftsleben eines Volkes betreiben, weil er sonst an jene Schranke stößt, die man als Kapitalmangel bezeichnet. Drittens aber – und darauf kommt es hier an – ist es gewiß richtig, daß der Staat oft Politik auf längere Sicht machen könnte als eine Privatindustrie. Aber die Frage ist ja eben, ob er sie bei der Art seiner Willensbildung treiben würde. Und da sehen wir doch, daß tatsächlich das genaue Gegenteil der Fall ist. Der ganze heutige Lohnkampf ist seinem Wesen nach ein Kampf zwischen dem Interesse an möglichst großer Konsumtion im Augenblick und dem Interesse des Ausbaues unserer Wirtschaftsmöglichkeiten für die Zukunft. Wo in diesem Kampf die politischen Parteien stehen und wie sich eine politisch bedingte Wirtschaftsleitung in bezug auf die Rücklagen der Industrie verhalten würde, ist leider ausreichend klar. Und die Investitionspolitik unserer privaten Wirtschaft ist ebenfalls klar – tatsächlich ist das Interesse des privaten Unternehmers gegenwärtig der einzige Hort unserer wirtschaftlichen Zukunft.

    Eine andere bei aller Primitivität praktisch sehr wichtige Quelle von Fehlurteilen: Eine so gewaltige Maschine wie die moderne Volkswirtschaft arbeitet natürlich nicht fehlerfrei, zumal sie sich eben in steter Umbildung befindet. Man braucht nun bloß den Blick auf eine solche mangelhafte Stelle zu konzentrieren und dieser Stelle in Gedanken die ganze wirtschaftliche Macht des Staates gegenüberzustellen, um selbstverständlich zum Resultat zu kommen, daß der Mangel durch einen geeigneten staatlichen Eingriff behoben werden könnte. Solche Urteile fehlen meist schon sachlich dadurch, daß sie nur das Stück des volkswirtschaftlichen Zusammenhangs sehen, das unmittelbar in die Augen springt: So hat in der Erörterung über den Plan eines staatlichen Getreidehandelsmonopols der Hinweis auf unzureichende Kapitalkraft des privaten Getreidehandels eine Rolle gespielt. Aber wie könnte das anders sein, wenn der Getreidehandel in der Hand des Staates läge? Da wir doch nicht annehmen wollen, daß Finanzierung durch Inflation gemeint sei und da der private Handel sich ausländischen Kredit nicht nur ebenso gut sondern besser verschaffen kann als das Reich – einer der Gründe für den schnellen Aufschwung nach Beseitigung der Zwangswirtschaft –, so bleibt nichts anderes übrig als die erforderlichen Mittel im Inlande entweder durch Steuern oder durch Anleihen in Anspruch zu nehmen. Das geht gewiß, nur muß dann das Kapital in genau gleichem Betrage an einer andern Stelle der Volkswirtschaft fehlen, und zwar an einer Stelle, wo es noch schwerer zu entbehren ist, denn sonst wäre es nicht dort. Wie die schönsten Pläne dieser Art an dieser Schwierigkeit scheitern, so erklärt sich doch eben daraus der Erfolg in der Öffentlichkeit, der ihnen fast niemals fehlt: Den Mangel, über den man sich gerade ärgert, sieht man und seine Beseitigung empfindet man dankbar. Die Opfer aber, die die Beseitigung kostet, sind, obgleich im allgemeinen größer als der Nutzen, doch so über die ganze Volkswirtschaft verteilt, daß niemand die Schädigung präzise lokalisieren kann: Irgendwo werden Arbeiter arbeitslos, irgendwo verkümmern einige Betriebe – wer beachtet das? Abgesehen davon aber ist natürlich bei einem Vergleich zwischen zwei Organisationsformen das Resultat eines Vergleiches zwischen Einzelpunkten für ein Gesamturteil niemals relevant.

    Weiter: Die Wirtschaft der privaten Initiative war das Resultat eines langen historischen Prozesses. Einerseits hat sie sich nur langsam und unter Kämpfen durchgesetzt und ihre Entwicklungskrankheiten – Arbeiterelend, vehemente Krisen – wurden und werden oft für ihrem Wesen eigene Züge gehalten – in grotesker Überzeichnung bilden sie z.B. die praktisch wichtigsten Bausteine des marxistischen Systems. Andererseits hat sich diese Wirtschaftsform ja nie und nirgends völlig durchgesetzt. Nicht nur die geistige und wirtschaftliche Erbschaft früherer Zeiten, auch ihrem Wesen fremde wirtschaftliche und soziale Machtpositionen haben sich in ihrem Milieu erhalten, seine Entwicklung gemodelt und abgelenkt, und so hat sich für die soziale Kritik jene unsterbliche Verwechslung ergeben, Kraft deren immer wieder dem modernen Wirtschaftssystem vorgeworfen wird, was sich nur daraus erklärt, daß es sich nicht vollständig durchsetzen konnte – so die immer wieder auftauchenden merkantilistischen Tendenzen, so auch jene Gruppe von Erscheinungen, die man unpräzis unter dem Sammelnamen "Imperialismus" begreift. Und immer wieder wird dem Wirtschaftssystem Schuld gegeben an unhaltbaren Situationen – um ein Beispiel anzuführen: Die Zuckersituation vor der Brüsseler Konferenz – die eben durch "regulierende Eingriffe" geschaffen wurde.

 

III.

    Das soll nicht heißen, daß die private Wirtschaftsführung ein unantastbares Ideal ist. Die Nationalökonomie von vor hundert Jahren oder, richtiger gesagt, die populäre Darstellung ihrer Resultate hat das behauptet. Und diese Position wurde von der neueren Analyse als unhaltbar erwiesen, nicht etwa nur in dem Sinn, daß die Wirtschaftsfreiheit kein Ideal für alle Orten und Zeiten sei – was selbstverständlich ist -, sondern in dem viel weitergehenden Sinn, daß auch rein theoretisch genommen und unter Absehen von allen Funktionsstörungen, völlige Wirtschaftsfreiheit nicht das leistet, was unsere Vorgänger ihr nachsagten. Vor allem sagte ein in der populären Literatur allerdings bis zur Entstellung übertriebenes Theorem, daß die Wirtschaftsfreiheit das Maximum der unter den gegebenen Umständen möglichen Bedarfsbefriedigung für die gesamte Volkswirtschaft gewährleiste. Der Umstand, von dem sehr oft die Kritik dieses Satzes ausging, nämlich daß unter den "gegebenen Umständen" auch die jeweilige Reichtumsverteilung ist, bedeutet zwar weniger als man glauben könnte. Denn abgesehen von relativ geringfügigen Ausnahmen hat die Reichtumsverteilung der kapitalistischen Gesellschaft ihre soziale Funktion, und es wäre nicht schwer nachzuweisen, daß fast jeder Versuch sie zu ändern mehr Schaden als Nutzen stiften würde. Aber es läßt sich zeigen, daß das Theorem insofern nicht richtig ist, als sich regulierende Eingriffe denken lassen, welche den Befriedigungszustand aller Glieder der Volkswirtschaft über jenes der unregulierten Wirtschaftsfreiheit zugängliche Maximum erhöhen. Der einfachste hierher gehörige Fall ist die Förderung der Expansion von Industrien, deren Einheitskosten bei Expansion sinken, auf Kosten der Expansion von Industrien, deren Kosten bei Expansion steigen. Daß ferner eine planmäßig auf Stabilhalten des Preisniveaus gerichtete Politik einer volkswirtschaftlichen Zentralstelle – die in der Regel die Notenbank sein würde – viele Störungen vermeiden kann, denen die Volkswirtschaft bei unregulierter Kreditgewährung ausgesetzt ist, ist eine alte Geschichte, die nur neuerdings mehr Beachtung findet. Und daß ganz allgemein die moderne Durchforschung des Wirtschaftskörpers Möglichkeiten erfolgreicher Eingriffe eröffnet, ist zweifellos.

    Man beachte nun die paradoxe Situation der wirtschaftspolitischen Erörterung, die auf diese Art geschaffen wurde. Weil also wirklich die verfeinerten Methoden der modernen Wissenschaft, welche kaum zwei Dutzend Nationalökonomen aller Länder wirklich beherrschen, in einer Anzahl von komplizierten Fällen, denen der Ausnahmecharakter auf der Stirne geschrieben steht, die theoretische Möglichkeit tatsächlich förderlicher Regelungen gezeigt haben, denkt sich nun ein jeder, zu dessen Ohren vermittelst eines popularisierenden Vortrags die Kunde davon dringt, daß die Wirtschaftsfreiheit nunmehr erledigt und jeder alte Unsinn hinterher gerechtfertigt ist. Aber der Unsinn bleibt, was er war; gerade die angedeuteten Resultate zeigen, wie viel praktische Weisheit in den gröberen Sätzen der sog. klassischen Ökonomen lag. Sie bestätigen die Regel, in dem sie dartun, wie außerordentlich schwer es ist, die Leistung der Wirtschaftsfreiheit zu übertreffen. Übrigens fehlt ihnen vorläufig noch fast jede praktische Bedeutung, da ihre Verwertung Organe von einer Einsicht in die Lebensnotwendigkeiten der Wirtschaft voraussetzen würde, die es gegenwärtig nirgends gibt. Sie gleichen der Lanzette eines Arztes, und was die praktische Politik tatsächlich in Bewegung setzen könnte, gliche der Heugabel eines Stallknechtes. Das braucht nicht immer so zu bleiben. Aber wir sprechen von der heutigen Lage.

    Doch, so hören wir gegenwärtig von allen Seiten, das bisher vorgeführte Argument paßt nicht auf die Bedingungen der modernen Industrie. Die meisten Nationalökonomen, darunter auch Sozialisten, sind geneigt, es für eine Wirtschaft der freien Konkurrenz, wie sie annäherungsweise im 19. Jahrhundert bestand, ganz oder teilweise anzuerkennen. Hingegen mehrt sich täglich die Zahl der Stimmen, die diese Wirtschaftsform für überwunden, für der Vergangenheit angehörig erklären. Wir wollen uns nun nicht mit den Übertreibungen aufhalten, die in allen solchen Behauptungen liegen. Die große industrielle Einheit, der Konzern und der Trust, beherrschen das industrielle Leben von heute nicht annähernd so ausschließlich, wie es nötig wäre, um heute schon von einer neuen Wirtschaftsform sprechen zu können. Ist doch selbst das Überwiegen der Großindustrie nur dann gegeben, wenn man eine so kleinbürgerliche Vorstellung von einem Großbetrieb hat wie unsere Statistik , welche schon von fünfzig Arbeitern ab von einem Großbetrieb spricht. Wenden wir uns aber der Prinzipienfrage zu.

    Je vollkommener unsere praktische, statistische und theoretische Einsicht in den Wirtschaftsprozeß wird, ein umso größerer Bezirk wird dem individuellen Urteil des einzelnen Industriellen und Kaufmanns entzogen und zum allgemein zugänglichen Gemeingut. Ehemals war die Anlage einer neuen Fabrik eine viel schwierigere Sache als heute – heute kann man eine neue Fabrik in vielen Zweigen von der sachkundigen Hand spezialisierter Firmen fertig hingestellt bekommen; gewiß ist die Firma, die eine solche Aufgabe löst, selbst wieder eine private Unternehmung, aber alle jene, die ihre Dienste in Anspruch nehmen, sind in ihrer Unternehmerfunktion wesentlich entlastet. Die technische Forschung ferner bietet vielfach ihre Ergebnisse in einer allgemein zugänglichen Weise an, so daß die praktische Verwertung derselben in viel höherem Maß als früher von einer ganzen Industrie auch durch korporative Aktion vorgenommen werden kann. Auch die ökonomische Forschung, namentlich im Felde der Konjunkturprognose, fängt an, Dinge beizutragen, die früher der individuellen Intuition überlassen waren. Dieses Material wird von öffentlichen oder korporativen Büros allen Unternehmungen zugeführt – und fast jede unserer industriellen Organisationen hat auch ihr Rationalisierungs-, ihr technisches, ihr Rohstoff- usw. Organ, in der Form irgendwelcher Ausschüsse, durch welche also nicht mehr der einzelne Firmenchef, sondern sozusagen die Industrie als Ganzes handelt. Und das ist sowohl eine Art von Bindung – diese braucht nicht durch Zwang oder Verpflichtung zu erfolgen – als auch eine Art Gemeinwirtschaft. Der Sozialist hat nicht Unrecht, wenn er auf diese Erscheinung hinweist. Nur mit unserem Problem hat sie nichts zu tun. Denn abgesehen davon, daß sie nichts daran ändert, daß der Unternehmer die treibende Kraft der Industrie bleibt, mag diese Tendenz Boden gewinnen oder nicht, das Wirtschaftsleben fundamental umgestalten oder nicht, mit öffentlicher Regelung, mit Eingriffen der Staatsgewalt hat sie nur dann etwas zu tun, wenn einer rückständigen Industrie derartige Fortschritte aufgenötigt werden müßten. Historische Beispiele dafür fehlen nicht, aber offenbar ist das nicht der Fall im Deutschland von heute.

    Das öffentliche Verlangen nach Regelungen und Bindungen geht auch gar nicht davon aus, sondern von der – zunächst wieder rein gefühlsmäßigen – Abneigung gegen den, um gleich einen von mehreren möglichen Ausdrücken festzulegen, modernen Trust. Das sachliche Argument lautet wesentlich, daß während bei freier Konkurrenz der Preis einer Ware auf die Dauer jene Höhe nicht übersteigen kann, die nötig ist, um ein Angebot hervorzurufen, das die bei diesem Preise kaufwillige Nachfrage befriedigt, ein Trust Monopolpolitik betreiben, unnötig hohe Preise ansetzen und seine Abnehmer ausbeuten kann, was nur durch staatliches Eingreifen abgewendet werden könne. Daher eine ganz andere und viel bedeutsamere Rolle des Staates in der heutigen als in der früheren Wirtschaft. Weiter aber bedeutet eine Trustbildung das Ausschalten der Unternehmertätigkeit der Inhaber der früher selbständigen Firmen. Er ist insoweit eine Art von privater Sozialisierung. Ein großer bürokratischer Apparat tritt dadurch an die Stelle der individuellen Initiative. Ist das nicht ein erster Schritt zu wirklicher Sozialisierung? Für den Sozialisten hat es besonderen Reiz, die Entwicklung zum Trust im Sinne der Prognose von Karl Marx zu deuten: Als Verifikation der Prophezeiung, daß das Wachstum der Produktivkraft zum Niederringen aller Unternehmungen bis auf wenige und dieses zum "Expropriieren" dieser letzten "Expropriateure" führen müsse. Und ohne jede Rücksicht auf die Tatsache, daß diese Prophezeiung an einer Kette von lauter unhaltbaren Gliedern hängt und nur einer Ähnlichkeit von Oberflächenerscheinungen ihre scheinbare Verifikation verdankt, wird das heute mitunter von sehr unsozialistischer Seite nachgesprochen. Nun sind die industriellen Zusammenschlüsse der Gegenwart eine sehr komplizierte Erscheinung, die ihre einheitliche Auffassung lediglich der allgemeinen Jagd nach der kurzen demagogischen Phrase verdankt. Viele Kartelle eines älteren Stils waren in der Tat nichts anderes als Vereinbarungen zum Ausschluß der Konkurrenz und zum Hochhalten der Preise. Hier wurde zwar kein Unternehmer ausgeschaltet, wohl jeder Unternehmer in einem entscheidenden Punkt mattgesetzt – nur daß das richtige Heilmittel in diesen Fällen nicht in einem staatlichen Eingriff, sondern in der Beseitigung des staatlichen Eingriffs bestanden haben würde, der schuld daran war, nämlich des Schutzzolls. Davon unterscheidet sich der moderne Trust dadurch, daß er – in seiner reinsten Form wenigstens – selbst eine Unternehmung ist, eine Unternehmung, die über den Rahmen des einzelnen Betriebes hinauswächst, bis sie die ganze Industrie erfaßt hat, oder doch ihr beherrschender Faktor geworden ist – dadurch, daß er produktionstechnisch oder organisatorisch einen Fortschritt bedeutet. Diese – die eigentlich wesentliche Erscheinung – vernichtet die individuelle Initiative nicht nur nicht, sondern sie ist ihr stärkster Ausdruck: Irgendwelche Persönlichkeiten von überdurchschnittlichen Massen müssen sie schaffen, sonst entsteht sie nicht, und führen, sonst zerbricht sie. Das gilt ja auch für alle kleineren Konzerne – wenngleich auch bei diesen die persönliche Leitung öffentlich weniger hervortritt als bei der Privatunternehmung: Neun Zehntel der deutschen Industrie und des deutschen Handels sind "persönlichkeitsgebunden" in dem Sinne, daß man sie ohne weiteres mit individuellen Namen verbinden kann. Und die wenigen trustähnlichen Gebilde, die wir überhaupt haben, tragen alle den Stempel einzelner Persönlichkeiten.

    In großen Konzernen – die sich natürlich namentlich in den Industrien finden, die großes Anlagekapital erfordern – geht die Auswahl der führenden Persönlichkeiten gewiß nicht mehr durch den alten und so wirksamen Mechanismus des Wachsens oder Zugrundegehens der Unternehmungen selbst vor sich. Und das geschäftliche Handeln großer Konzerne nimmt selbstverständlich immer mehr die Form des Verhandelns mit anderen ebenfalls organisierten Interessen an. Mit dieser Möglichkeit der Beherrschung oder der Beeinflussung des Marktes entsteht die Möglichkeit planmäßiger "Politik", die der einzelnen Firma in der Konkurrenzwirtschaft fehlt, weil für sie die Marktsituation jeweils gegeben und unabänderlich ist. Wenn man will, so mag man das "Planwirtschaft" nennen. Nur darf man dann nicht vergessen, daß diese Art von Planwirtschaft grundverschieden ist von jener anderen, die bisher so bezeichnet wurde. Es wäre eine kaufmännische Planwirtschaft und keine politisch bedingte. Es wäre eine gewachsene Planwirtschaft und keine bloß ausgedachte. Es wäre eine Planwirtschaft, die durch Leistung und keine, die durch Erstarrung bestehen würde. Eine Tendenz nach jener ist keine Tendenz nach dieser.

    Bleibt noch ein letzter Punkt: Mag es auch ein Mißverständnis sein, zu glauben, daß die vertrustete Wirtschaft der Unternehmerfunktion heute entraten könne, und ein weiteres Mißverständnis, in den vorhandenen Elementen kaufmännischer Planwirtschaft die Planwirtschaft des Politikers und des Intellektuellen zu sehen, so bleibt noch immer das stürmische Verlangen weiter Kreise nach staatlicher Regelung der vorhandenen privatwirtschaftlichen Organisationen, nach Fesselung der mystischen Mächte des Großkapitals, nach Unterwerfung dieser Staaten im Staate usw. Was ist davon zu halten, soweit mehr darin liegt als jene naive Identifizierung des parlamentarischen und bürokratischen Staatsapparats mit dem Gemeinwohl, welche natürlich unter schlechthin allen Umständen das Maximum von Staatseinfluß anstrebt? Vor allem ist vollständig klar, daß die von industriellen Zusammenschlüssen beherrschte Wirtschaft nicht etwa der öffentlichen Regelung bedarf, um überhaupt zu funktionieren. Ich wäre nicht auf den Gedanken gekommen, das zu sagen, wenn nicht neuerdings von betriebswissenschaftlicher Seite das Gegenteil behauptet worden wäre. Die industriellen Zusammenschlüsse bedeuten selbst Regelungen. Bleiben diese hinter dem jeweils möglichen Maß zurück, so ist das nur ganz ausnahmsweise ein Unglück – in der Regel spricht ja das ökonomische Argument entscheidend für die freie Wirtschaft, wo diese überhaupt möglich ist. Und gehen die Selbstorganisationen der Industrie über das jeweils angepaßte Maß hinaus, so kann das Übel offenbar nicht durch noch weitere Regelungen gebessert werden. Stabilität der Wirtschaft bedeutet nicht nur Vorteile, sondern auch mangelnde Elastizität. Springen die Übel der Instabilität mehr in die Augen, so ist Stabilität doch etwas, wovon man leicht zuviel haben kann.

    Aber man ruft ja meist aus anderen Gründen nach Bindungen. Und da ist es ganz wesentlich, sich auch hier klarzumachen, daß nicht die Körner der Wahrheit, die es auch da gibt, die wirtschaftliche Einstellung bestimmen, sondern die Massen von Irrtum. Wenn wir die Fragen der Lohnpolitik – welche auf ein anderes Blatt gehören und offenbar ausreichend wahrgenommen sind – abscheiden und ferner annehmen dürfen, daß Staat und Öffentlichkeit an der produktionstechnischen Leistung unserer organisierten Industrien nichts auszusetzen haben bzw. nicht glauben, sie bessern zu müssen, so bleibt im wesentlichen die Preispolitik übrig. Abgesehen davon, daß die Preispolitik einer modernen Unternehmervereinigung einen anderen Fall darstellt als die Preispolitik eines inmitten einer Konkurrenzwirtschaft stehenden einzelnen Monopolisten, ist es doch eine Tatsache, daß jeder Preis, der zu Gewinnen führt, an deren Höhe die Öffentlichkeit Anstoß nehmen könnte, dadurch in ein anderes Licht rückt, daß diese Gewinne tatsächlich zum Mittel der Finanzierung des Ausbaus der Produktionsanlagen werden – die führenden Persönlichkeiten unserer Industrie haben bekanntlich keinerlei Leidenschaft für hohe Dividenden. Außerdem kann ein Monopolpreis bei veränderter Produktionsmethode niedriger sein als der Konkurrenzpreis bei der früheren – unvollkommeneren – Produktionsmethode. Endlich hängt die praktische Stellungnahme natürlich sehr wesentlich davon ab, wogegen man gegenwärtig die wirkliche oder angebliche Preiswillkür der Unternehmerverbände austauschen würde. Erfahrungen wie die, daß die Preisfestsetzung gleichsam politisiert wird und schließlich jede Anpassungsfähigkeit verliert – nach hinauf, weil sämtliche Abnehmer und die ganze Öffentlichkeit in Aufruhr geraten, nach hinunter, weil die Konzernleitung weiß, daß späteres Hinaufsetzen unmöglich sein kann – sind nicht ermutigend. Und die bisher gefundenen Methoden staatlicher Kartellpolitik sind so unvollkommen und mit solchem Kraftverlust verbunden, daß die theoretische Möglichkeit von erheblichen Erfolgen sachgemäßer Regulierung, die auch hier besteht, praktisch nichts nützt.

    Denn immer kommt es darauf hinaus – und das ist nicht wesentlich anders in der Wirtschaft der Zusammenschlüsse als in der Wirtschaft der freien Konkurrenz: Bewußtes Streben nach planwirtschaftlichen Regelungen und nach staatlichen Eingriffen um ihrer selbst willen, deshalb also, weil Planwirtschaft und staatliche Regelungen als solche und ihrer Natur nach der privaten Wirtschaft überlegen wären, hat heute gar keinen Sinn und beruht lediglich auf Gefühlsmomenten, auf den Ambitionen des Politikers oder auf Irrtümern über den Lebensprozeß der Wirtschaft. Und von Fällen großer wirtschaftlicher oder sozialer Störungen abgesehen, ist der Erfolg auch des einzelnen regelnden Eingriffs an Voraussetzungen geknüpft, die heute und bei uns fast nie gegeben sind. Und sind sie nicht gegeben, so bewährt sich der unregulierte Zustand besser als der regulierte, wie die Menschheit ohne Ärzte besser daran wäre als mit Kurpfuschern. Jene Wirtschaftsform, die heute so unpopulär ist, hat sich vorläufig bewährt. Und wie immer die fernere Zukunft aussehen mag, die gegenwärtige Stunde gehört der privaten Initiative, und jene Völker dienen ihrer Zukunft am besten, die das am besten begreifen. (Lang anhaltender Beifall) 

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[Quelle: Geschäftliche Mitteilungen für die Mitglieder des Reichsverbandes des Deutschen Groß- und Überseehandels, Nr. 31/34, Oktober 1928, S. 61-67. Eine Teilveröffentlichung dieses Vortrages findet man auch in: Papier und Pappe Nr. 41 1928, S. 1928 ff.]
 

 

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